Kategorie: Abschleppdienst: Hermannsburg:
Die Aussteller
Sie sind meist nicht persönlich anwesend, weil sie das nicht nötig haben, und weil sich niemand vorstellen kann, daß etwa Herr Flidc von einem seiner Stände zum anderen eilt, um dem Publikum Aufschluß über technische Details zu geben, von denen er keine Ahnung hat —
oder daß etwa Herr Nordhoff persönlich den Kofferraum auf- und zuklappen und hundertdreiundzwanzigmal in der Stunde behaupten würde, er sei groß genug. Das geht natürlich nicht. Und der junge Herr Sachs würde wohl lieber in Nizza Sex-, als am Stand seines Hauses Saxomatic erläutern. Man darf von der IAA nicht zuviel erwarten. Es ist schon eine große Sache, wenn einem der Pressechef persönlich ein paar falsche Daten nennt .. .
Er hat an sich Wichtigeres zu tun. Er muß fortgesetzt so tun, als habe er das wirklich gelesen, was der Herr mit der Uhrkette auf der Weste neulich im Hinterzartener Boten über den neuen „23 M” geschrieben hat. Da der Herr mit Frau und Kind gekommen ist, artet das Ganze in drei Flaschen Sinalco und eine Zigarre aus. Inzwischen hat sich schon wieder ein Herr eingefunden, der davon überzeugt ist, daß er erwartet wird.
Die Aussteller werden von vollkommen entnervten Herren vertreten, die sich aus Presse, Werbung und Verkauf rekrutieren und die zehn Tage lang ein schlimmeres Los haben als etwa ein Galeerensträfling. Ich war noch keiner, habe aber soviel Phantasie, mir vorzustellen, daß der wenigstens fluchen durfte. Die Herren am Stand aber müssen für die Aussteller lächeln, und sei es auf dem letzten Loch.
Hinter den Wänden aus Latten und Preßpappe falten andere Herren des Hauses Prospekte, und einer, der seiner Frau erzählt hat, daß ohne ihn die Schau zusammen-bricht, spült Gläser. Es ist auch völlig witzlos, etwa irgendwelche Anordnungen geben zu wollen. Die Anordnungen gibt das Publikum. Man kann einem Heuschreckenschwarm weder ausweichen noch ihm irgendwelche Weisungen geben. Es bleibt einem nur übrig, die Ärmel hochzukrempeln, sich zu formieren und mit abgerissenen Zweigen auf den Schwarm einzuschlagen wie auf einen Waldbrand.
In Ermangelung von Zweigen benutzt man dazu das Prospektmaterial. Es ist sorgfältig geplant, entworfen, genehmigt, kunst- und buchgedruckt worden, und das hat Monate beansprucht. Genausogut könnte man nun aber Fünfzigpfennigstücke unter die Menge werfen. Die kann man fertig von der Staatlichen Münze beziehen, während an den Prospekten hochbezahlte Texter, Grafiker, Fotografen, echte Schriftsteller und -setzer und teilweise sogar der Chef der Werbeabteilung mitgewirkt haben.
Man ist fest davon überzeugt, das originellste und beste Prospektmaterial der ganzen Branche zu bringen — und nun fallen die Heuschrecken darüber her. Der Satz auf Seite vier, an dem drei Autoren gefeilt haben, wird nie gelesen, weil auf der Seite gegenüber ein Mädchen auf der Motorhaube sitzt. Die Aussteller respektive ihre ausführenden Organe sind restlos fertig, ehe noch die Presse durch die ungefegten Hallen tröpfelt. Dabei geht es nun erst los. Es ist, als ob man eigenhändig eine Nacht durchfährt, um am nächsten Morgen auf einem Sandbahnrennen zu starten. Und an den Ständen mit Kleinkram sind die Aussteller persönlich die Anwesenden und Betroffenen. Sie polieren eigenhändig und unermüdlich mit ihrer Patentwatte blinde Chromteile oder klappen unablässig etwas rauf und runter. Und wenn es nur die eigenen Kinnladen sind, denen vom zweiten Tag an nur noch unverständliche Kehllaute entfallen.
Viele dieser kleinen Aussteller setzen alles auf die IAA, auch das letzte Geld. Jeder von ihnen macht das nur einmal. Denn der Brei läßt sich nicht ansprechen. Er fließt zäh vorüber und fragt den Mann, der ihm eine Packung Kühlwasserregenerationstabletten verkaufen will, nach Halle B. Daß dieser Mann ein Aussteller ist, wie Flick und Glas, das möchte ich um der historischen Bedeutung willen festgehalten haben. Auch der alte Benz hat sich seinerzeit den Mund fusselig reden müssen, damit ihm jemand einen Motorwagen abkaufte. Wir wollen das nicht vergessen.
Lieber ein Blatt vor dem Mund als ein Brett vor dem Kopf.
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Die Aussteller
Sie sind meist nicht persönlich anwesend, weil sie das nicht nötig haben, und weil sich niemand vorstellen kann, daß etwa Herr Flidc von einem seiner Stände zum anderen eilt, um dem Publikum Aufschluß über technische Details zu geben, von denen er keine Ahnung hat —
oder daß etwa Herr Nordhoff persönlich den Kofferraum auf- und zuklappen und hundertdreiundzwanzigmal in der Stunde behaupten würde, er sei groß genug. Das geht natürlich nicht. Und der junge Herr Sachs würde wohl lieber in Nizza Sex-, als am Stand seines Hauses Saxomatic erläutern. Man darf von der IAA nicht zuviel erwarten. Es ist schon eine große Sache, wenn einem der Pressechef persönlich ein paar falsche Daten nennt .. .
Er hat an sich Wichtigeres zu tun. Er muß fortgesetzt so tun, als habe er das wirklich gelesen, was der Herr mit der Uhrkette auf der Weste neulich im Hinterzartener Boten über den neuen „23 M” geschrieben hat. Da der Herr mit Frau und Kind gekommen ist, artet das Ganze in drei Flaschen Sinalco und eine Zigarre aus. Inzwischen hat sich schon wieder ein Herr eingefunden, der davon überzeugt ist, daß er erwartet wird.
Die Aussteller werden von vollkommen entnervten Herren vertreten, die sich aus Presse, Werbung und Verkauf rekrutieren und die zehn Tage lang ein schlimmeres Los haben als etwa ein Galeerensträfling. Ich war noch keiner, habe aber soviel Phantasie, mir vorzustellen, daß der wenigstens fluchen durfte. Die Herren am Stand aber müssen für die Aussteller lächeln, und sei es auf dem letzten Loch.
Hinter den Wänden aus Latten und Preßpappe falten andere Herren des Hauses Prospekte, und einer, der seiner Frau erzählt hat, daß ohne ihn die Schau zusammen-bricht, spült Gläser. Es ist auch völlig witzlos, etwa irgendwelche Anordnungen geben zu wollen. Die Anordnungen gibt das Publikum. Man kann einem Heuschreckenschwarm weder ausweichen noch ihm irgendwelche Weisungen geben. Es bleibt einem nur übrig, die Ärmel hochzukrempeln, sich zu formieren und mit abgerissenen Zweigen auf den Schwarm einzuschlagen wie auf einen Waldbrand.
In Ermangelung von Zweigen benutzt man dazu das Prospektmaterial. Es ist sorgfältig geplant, entworfen, genehmigt, kunst- und buchgedruckt worden, und das hat Monate beansprucht. Genausogut könnte man nun aber Fünfzigpfennigstücke unter die Menge werfen. Die kann man fertig von der Staatlichen Münze beziehen, während an den Prospekten hochbezahlte Texter, Grafiker, Fotografen, echte Schriftsteller und -setzer und teilweise sogar der Chef der Werbeabteilung mitgewirkt haben.
Man ist fest davon überzeugt, das originellste und beste Prospektmaterial der ganzen Branche zu bringen — und nun fallen die Heuschrecken darüber her. Der Satz auf Seite vier, an dem drei Autoren gefeilt haben, wird nie gelesen, weil auf der Seite gegenüber ein Mädchen auf der Motorhaube sitzt. Die Aussteller respektive ihre ausführenden Organe sind restlos fertig, ehe noch die Presse durch die ungefegten Hallen tröpfelt. Dabei geht es nun erst los. Es ist, als ob man eigenhändig eine Nacht durchfährt, um am nächsten Morgen auf einem Sandbahnrennen zu starten. Und an den Ständen mit Kleinkram sind die Aussteller persönlich die Anwesenden und Betroffenen. Sie polieren eigenhändig und unermüdlich mit ihrer Patentwatte blinde Chromteile oder klappen unablässig etwas rauf und runter. Und wenn es nur die eigenen Kinnladen sind, denen vom zweiten Tag an nur noch unverständliche Kehllaute entfallen.
Viele dieser kleinen Aussteller setzen alles auf die IAA, auch das letzte Geld. Jeder von ihnen macht das nur einmal. Denn der Brei läßt sich nicht ansprechen. Er fließt zäh vorüber und fragt den Mann, der ihm eine Packung Kühlwasserregenerationstabletten verkaufen will, nach Halle B. Daß dieser Mann ein Aussteller ist, wie Flick und Glas, das möchte ich um der historischen Bedeutung willen festgehalten haben. Auch der alte Benz hat sich seinerzeit den Mund fusselig reden müssen, damit ihm jemand einen Motorwagen abkaufte. Wir wollen das nicht vergessen.
Lieber ein Blatt vor dem Mund als ein Brett vor dem Kopf.
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