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Geehrte Herren!
Ich sehe mich veranlaßt, Sie auf einen Übelstand aufmerksam zu machen, der für die Leser Ihres geschätzten Blattes nicht ohne Interesse sein dürfte. Die Schilder, welche allerorts auf unseren Straßen vor wechselndem Wilde warnen, verweisen in ihrer bildlichen Darstellung lediglich auf ein graziles Rotwild, womit eine eklatante Verniedlichung der wirklichen Gefahr begangen wird.
Gestern, kurz vor Mitternacht, strich hinter einem solchen Schilde kurz vor meinem zügig dahineilenden Wagen ein ostafrikanischer Spitzohrelefant (Loxbonta a f ricana oxiotis) über die Fahrbahn. Ich ersuche Sie hö f lichst, darauf hinzuwirken, daß man in den Wildwechsel-Warntafeln jeweils die größten, einen Streckenabschnitt gefährdenden Tiere abbildet, und nicht die graziösesten.
Mit näheren Angaben über diesen Vorfall diene ich Ihnen gern. Da ich die Geschehnisse und Diskussionen auf Grund meiner Zuschrift in Ihrem Blatte gern verfolgen möchte, wollen Sie mich bitte als Ihren Abonnenten registrieren!
Achtungsvollst!
Balduin Huflattich, Seedorf
Am Tage des Briefeingangs herrschte in der Redaktion der Automobilzeitschrift eine aufgekratzte Stimmung, die sich durch alle Räume fortpflanzte. Man beschloß lustvoll, den Brief ungekürzt abzudrucken und sich im übrigen jeden Kommentars zu enthalten. So geschah es — aber weiter auch nichts, was Herrn Huflattich sehr verstimmte. Er befuhr fortan die Strecke zwischen Großenbüttel und Seedorf vor allem des Nachts und da, wo die Warnung vor dem Wilde angebracht war, mit äußerster Vorsicht. Dieser Klugheit verdankte er es wenige Wochen später, dem Zertrampeltwerden durch eine Elefantenherde zu entgehen, die flüchtigen Schrittes über die Fahrbahn wechselte, gerade, als Balduin Huflattich das Warnschild passiert hatte.
Nachdem er seinen Wagen etwas schräg zur Fahrtrichtung zum Stehen gebracht hatte, fiel ihm auf, daß sich keine Geräusche von forteilendem Großwild vernehmen ließen. Er ging wohl nicht fehl in der Annahme, daß die gesamte Herde im Dunkel des Straßenrandes verharrte, um ihn zu beobachten. Mit einem sehr unguten Gefühl im Nacken legte er deshalb den Rückwärtsgang ein und stieß trotz der hinter ihm herrschenden Finsternis so weit in diese vor, bis er die Abzweigung nach Korksen zu fassen hatte.
In diese einschlagend, gelangte er auf einem beträchtlichen Umwege nach Seedorf und setzte sich noch in der gleichen Nacht hin, um nicht nur an die Automobilzeitschrift, sondern auch an das Bundesverkehrsministerium zu schreiben, daß es an der Zeit sei, die irreführenden Warntafeln durch zutreffendere zu ersetzen. Auch schlug er vor, beiderseits der Straße Großenbüttel—Seedorf breite Gräben auszuheben, die dem Großwilde das Betreten der Fahrbahn wehrten.
Er verfehlte auch nicht, am nächsten Tage einige Menschen in Seedorf, die er für Kraftfahrer hielt und denen er bei seinen Besorgungen begegnete, vor dem Großwildwechsel auf besagtem Streckenabschnitt zu warnen. Auch gab er seinen Wagen in eine Werkstatt mit der Maßgabe, dessen Bremsvorrichtungen zu überprüfen und gegebenenfalls gründlich zu renovieren.
Während er wenige Tage später damit beschäftigt war, eine Zuschrift an das Kreisblatt zu verfertigen, versuchten drei Herren, die Glocke an der Tür seines abgelegenen Hauses in Gang zu setzen. Jedoch war die Batterie dieses Läutewerks seit dem Ausbruch des zweiten Weltkrieges nicht erneuert worden und demzufolge erschöpft. Die Herren mußten sich schließlich zur Hintertür begeben, die bereitwillig offenstand. Balduin Huflattich blickte von seinem Manuskript auf und glaubte im herrschenden Dämmerlicht in einem der Besucher den Bundesverkehrsminister zu erkennen, wes-wegen er ihn unter Verwendung dieses Titels nach seinem Begehr fragte. Das war das Zeichen für den Herrn vom Kreisgesundheitsamt, seinen Helfern den Weg zur Durchführung der erforderlichen Maßnahmen freizugeben. Diese begannen mit geringer Sorgfalt, dem Balduin Huflattich eine recht grob und zeitlos gearbeitete Jacke überzustreifen, bei der es dieser als besonderen Mangel empfand, daß die Ärmel an ihren Enden sackartig verschlossen waren. Als man dieses eigenartige Kleidungsstück noch mit einigen Riemenverbindungen an seinem Körper befestigte, konnte Balduin Huflattich gerade noch das Wort „Überfall” ausstoßen, bevor man ihm die Spritze gab.
Er erwachte in einem sehr engen Raum, aus dem man ihn alsbald herausführte, weil er von einem Herrn in Uniform und einem an-deren im weißen Kittel erwartet wurde. Diese unterließen es, sich vorzustellen, traktierten ihn dagegen mit den albernsten Fragen, ja, der im weißen Kittel erdreistete sich sogar, Huflattichen mit einem Hammer unversehens aufs Knie zu schlagen, worauf ihn dieser einen Verbrecher nannte. Dies schien seine Lage nicht zu verbessern, es half ihm auch nichts, daß er mit bescheidenem Stolz zugab,
daß er der Verfasser der Elefantenbriefe sei, die man ihm vorhielt. Die Dinge spitzten sich zu, und man sprach davon, ihn nach Großenbüttel zu überführen, woselbst sich ein freies Bett befinden sollte.

Alle Menschen sind klug. Die einen vorher, die anderen nachher.
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