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LUECHOW
Kategorie: Autoboerse: Luechow:

so scharf, daß der Campari ins Wanken geriet, weil ich den kleinen Tisch an seiner unteren Quertraverse mit dem rechten Fuß ein Stück durch den gelben Kies geschoben hatte.
Man ist eben immer „im Dienst” — auch,wenn man auf dem Weg nach Süden irgend-wo auf einer Caf6terrasse seinen Campari trinkt. Das sieht bei mir so aus, daß ich mich mit einem Auge in einer Automobilzeitschrift und mit dem anderen auf der nahen Straße befinde, woselbst ich nach allerlei seltenen oder bunten Vögeln Ausschau halte. Sie können das verstehen, wie sie wollen . . .
Meinen Campari finde ich im Tast-Verfahren. Es kommt vor, daß ich solchermaßen fremde Gläser bis zur Neige leere, denn Kaffeehaustische sind klein und rund und ebenso unpraktisch wie 13-Zoll-Reifen. Diesmal hatte ich einem DKW-Fahrer geistige Bremshilfe geleistet, der seinem Junior bei Gelb noch auf den Schlips getreten hatte, ihn dann aber bei Rot noch zum Stehen bringen wollte. Es gelang ihm.
„Erstaunlich!” rief in diesem Augenblick mein Tischnachbar aus, den ich für einen Amerikaner und dessen Campari ich gerade in der Hand hielt. „Wie er das gemacht hat —ohne Bremsen!” Ich fuchtelte ein Fragezeichen in die Luft und ließ die Automobilzeitschrift um einiges sinken.
„Nun ja”, erläuterte der Ami, indem er enttäuscht auf sein leeres Glas blickte, „dieser Wagen hat keine Bremsen! Er ist das einzige Automobil von der ganzen Welt, dessen Räder keine Bremsen haben! Wahrhaftig ein kleines Wunder ...” Ich prüfte zunächst einmal die Stellung des Sonnenschirms, mußte mich aber davon überzeugen, daß der Mann schon längere Zeit im Schatten saß. An allerlei erstaunliche Dinge gewöhnt, die mir auf Reisen zu begegnen pflegen, erwiderte ich: „Sie verstehen etwas von Automobilen?” und erntete ein geschmeicheltes Lächeln: „Nun, nicht sehr, aber man liest Journale, wissen Sie ...”
Aha, dachte ich, er hat sicher eine Aprilnummer erwischt, als er sich das letzte Mal informierte.
„Was für einen Wagen fahren Sie in Europa?” fragte ich in dem Glauben, eine Rutschbahn vorzubereiten, auf der er straucheln würde. Aber nein.
„Hier fahre ich einen Opel Rekord. Es ist ein wunderbarer Wagen, wissen Sie. Die beste Werkmannsarbeit, die man auf dem Kontinent erhalten kann. Opel baut davon nur soviel, wie sich in Präzision bauen lassen. Sie bauen nicht so viele Wagen, wie sie verkaufen könnten . . .” Jetzt hatte ich mich an meinem eigenen Campari verschluckt und fegte niesend ein Päckchen „Mary Long” vom Tisch.
Sehen Sie, so ist das. Mir fliegen die Geschichten nur so zu. Ich setze mich an einen Kaffeehaustisch, an dem vor mir wahrscheinlich mehr als fünfhundert Menschen nicht das geringste widerfuhr. Mir aber servieren sie gleich einen Verrückten. „Ist das so bei Opel?” fragte ich scheinheilig. „Aber, das ist doch bekannt, außerdem sind die Ersatzteile für diesen Wagen um rund 35illiger als die für konventionelle Automobile ...”
„Der Opel ist kein konventionelles Automobil?”
„Demnach nicht, mein Herr!” Der Ami war leicht ungehalten. „Schon die bewußte Politik, nur so viele Wagen zu produzieren, wie man in Präzision bauen kann, obwohl man viel mehr verkaufen könnte, halte ich für unkonventionell. Wo gab es das je? Bestimmt nicht in Rüsselsheim, dachte ich still vor mich hin. Aber, da hielt ein Volks-wagen am Bürgersteig und fünf vollkommen zerknautschte Touristen entquollen ihm in der Art von Hackfleisch, das aus dem Wolf kommt. Noch ehe der letzte seine Hinterhand befreien konnte, setzte der Amerikaner seinen Aufklärungsfeldzug fort. „Achtzehn Personen gehen hinein!”, sagte er. Ich rollte meine Automobilzeitschrift zu einer Art Fliegenklatsche zusammen, denn man konnte nicht wissen, in was sich der Mann alles hineinsteigern mochte. Schließlich würde er den Versuch wagen, mich in seinem Brillen-Futteral unterzubringen.
„Man muß zugeben, daß dieser Hitler-Wagen eine tolle Sache ist.” Sicherlich sah er vor seinem geistigen Auge auf dem Obersalzberg ein einsames Reißbrett stehen. Aber er kehrte in die Wirklichkeit zurück: „Natürlich sind die Männer, die diesen Wagen bauen, auf der Hut. Sie suchen die Zitronen heraus und verkaufen nur die Pflaumen ...”
Da haben wir's. Natürlich ähnelt er einer halbierten Pflaume. Warum bin ich bloß noch nie darauf gekommen? Aber — „Wie meinen Sie das reit den Zitronen?”, fragte ich ehrlich neugierig. Es war ihm Freude und Bedürfnis zugleich, mir eine äußerst unrunde und deshalb besonders glaubwürdige Zahl nennen zu können: „Dreitausenddreihundertneunundachtzig Männer”, so dozierte er, „sind in Wolfsburg nur mit einem Job beschäftigt — sie inspizieren den VW in jeder Produktionsphase. Und zu einem von fünfzig Wagen sagen sie ,nein'!”. Das ist der, den mein Nachbar gekriegt hat, dachte ich. Da kam uns ein Skoda nahe.
„Er hat etwas an sich”, beeilte sich mein Führer zu verkünden, „das amerikanisch aussieht und europäisch arbeitet.” Diesmal mußte ich ihm beipflichten. Ein flottes Girl saß hinterm Volant, das amerikanisch lackiert war, aber europäisch hart auf die Kupplung treten mußte, um von Gang zu Gang zu springen.
„Die Türen sind richtig angebracht!”, jubilierte der Ami in der Art eines Sammlers, der ein seltenes Exemplar entdeckt hat, „sie sind genau da, wo sie hingehören!” Er schien das sensationell zu finden, während ich nur selten einen Wagen durch eine Klappe im Bodenbrett bestiegen hatte, das letzte Mal im Jahre 1945, als ich einen Panzerspähwagen wegen der eisenhaltigen Luft nicht anders betreten wollte. „Sein Ganz-Aluminium-Motor sitzt vorn, wie es sich gehört . . .”, belehrte man mich weiter.
„Hat er wirklich . . .?”
„Natürlich hat er einen Ganz-Aluminium-Motor, mein Herr!”
Ich werde meine Automobilzeitschrift abbestellen! Die Brüder informieren einen viel zu oberflächlich, wahrscheinlich lüften sie nicht einmal die Haube und benutzen Test-wagen nur dazu, mit lockeren Teenagern in die Schonungen zu fahren. „Ein bemerkenswerter Wagen”, sagte ich, „weist er noch mehr dieser seltenen Vorzüge auf?”
„Er hat den größten Kofferraum auf dem Felde der Compact-Cars und den günstigsten Kilopreis!”
Na gut, wenn ich mal ein Kilo Automobil brauche, dann werde ich es mir in einem Skoda-Laden besorgen. Und dann noch Ganz-Aluminium! Was für eine Menge Zeug man da bekommt, ich werde einen Eimer mitbringen müssen .. .
Plötzlich faßte ich die Fliegenklatsche fester. Der Amerikaner machte unvermittelt einen Luftsprung, als hätte er die ganze Zeit über auf einem Schleudersitz gesessen, dessen Mechanismus verklemmt war.

Der Kluge lässt sich belehren, der Unkluge weiß alles besser.
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