Kategorie: LKW: Luechow:
Man möge deshalb diesen Aufsatz als Anregung betrachten und ihn nach eigenem Ermessen zu Ende denken. Und wenn nur die Erkenntnis dabei herauskommt, daß man im Automobil etwas anderes tragen und sich anders benehmen sollte als etwa auf dem Opernball oder anläßlich seiner Ernennung zum Oberinspektor.
Dann ist's ja schon gut.
Wenn wir dann alle davon überzeugt sind, daß wir locker und gelöst, durch nichts behindert und eingeengt, am besten fahren, dann kommt der Staat und schnallt uns an. Und das ist die Pointe meiner Geschichte. Oder haben Sie etwa die ganze Zeit über gedacht, sie würde keine haben ...?
Tod durch Rotstift
jlerr Regenström war ein vorsichtiger Mann. Er hatte sich für alles und gegen alles versichert, las täglich sein Horoskop in der Morgenzeitung nach, trank und rauchte nicht und ging regelmäßig zum Massieren. Nie fuhr er schneller, als es die Polizei erlaubte, und wenn überhaupt, dann nicht über Hundert.
Er hatte sich einen Wagen gekauft, der millionenfach bewährt war. Und als der geliefert wurde, hatte er sofort Anschnallgurte einbauen lassen. Denn Herr Regenström überließ so gut wie nichts dem Zufall.
Eines Morgens, nachdem er seinen Tomatensaft getrunken, seine Vitamintabletten geschluckt und seine Atemübungen gemacht hatte, setzte er sich hinters Steuer, schnallte sich fein säuberlich an und fuhr in Richtung Hagebjörn davon.
Kurz hinter Bremsö auf der langen Geraden kam ihm ein Kleinwagen entgegen — und zwar im wahrsten Sinne des Wortes, nämlich auf seiner eigenen Fahrbahn. Herr Regenström betätigte allsogleich die Bremsen und gebrauchte laut das unschöne Wort „Idiot!” — es sollte sein letztes sein.
Die Lenksäule seines Wagens, die von der Vorderachse ohne mildernde Umschweife schon immer direkt auf seine frisch gebügelte Hemdbrust gezielt hatte, stieß diesmal zu.
Die knochenharten, kantig abgewinkelten Speichen des sogenannten „Sicherheitslenkrades” zerschmetterten ihn genau da, wo er ansonsten zu atmen pflegte. Eben an diesem Morgen war er nicht dazu gekommen, sein Horoskop nachzulesen, weil der Sohn der Zeitungsfrau unverhofft in die Masern geraten war.
„Es wird etwas auf Sie zukommen”, stand darin, „dem Sie nicht ausweichen können. Beißen Sie die Zähne zusammen!”
Dieser Rat, so zweifelhaft er sein mag, hat Herrn Regenström nie mehr erreicht.
Es gibt Leute, die wissen nicht, daß sie allmorgendlich, wenn sich die Tür ihres Autos hinter ihnen schließt, auf einem Richtblock Platz genommen haben. Ich will diese Leute hiermit bewußt beunruhigen, denn ich verspreche mir sehr viel von ihnen. Sie sollen zu den regelmäßig „nachstoßenden” Verkäufern der Marke, die sie gerade fahren (Sie wissen, doch: Nein, ich komme nicht, um Ihnen den Neuen zu verkaufen, sondern nur, um zu hören, wie sich der Alte noch macht . ..) klipp und deutlich sagen: „Wenn überhaupt nochmal, mein Lieber, dann nicht mit der Lenksäule!”
Ich bin sicher, daß es die Verkäufer diesmal weitergeben werden. Und da, wo sie es hingeben, wird man nunmehr beginnen, sich Gedanken darüber zu machen. Denn Autos verteilen sich nicht mehr so leicht wie Freikarten fürs Theater. Heute will jedes einzelne richtig verkauft werden!
Auch eine Firma, die zwar in Rädern, nicht aber in Lenkrädern „groß” ist, wird sich der inneren Sicherheit mit der gleichen Inbrunst zuwenden müssen wie ihrer Bilanz. Meine persönliche Antipathie den lanzenartigen Lenksäulen gegenüber, die sich seit Jahren durch mein Geschreibe zieht, ist älter als die Unfallforschung. Ich war noch recht klein, als der Hals meines Vaters dicht neben der Schlagader von einer Lenklanze aufgeschlitzt wurde. Es ist dreieinhalb Jahrzehnte her, aber es kann einem auch heute noch widerfahren. Woran man unschwer erkennt, wie sehr die Entwicklung der automobilen Sicherheit im Fluß, besser gesagt: im Eimer ist.
Der Verstand und die Fähigkeit, ihn zu gebrauchen, sind zwei verschiedene Gaben.
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Man möge deshalb diesen Aufsatz als Anregung betrachten und ihn nach eigenem Ermessen zu Ende denken. Und wenn nur die Erkenntnis dabei herauskommt, daß man im Automobil etwas anderes tragen und sich anders benehmen sollte als etwa auf dem Opernball oder anläßlich seiner Ernennung zum Oberinspektor.
Dann ist's ja schon gut.
Wenn wir dann alle davon überzeugt sind, daß wir locker und gelöst, durch nichts behindert und eingeengt, am besten fahren, dann kommt der Staat und schnallt uns an. Und das ist die Pointe meiner Geschichte. Oder haben Sie etwa die ganze Zeit über gedacht, sie würde keine haben ...?
Tod durch Rotstift
jlerr Regenström war ein vorsichtiger Mann. Er hatte sich für alles und gegen alles versichert, las täglich sein Horoskop in der Morgenzeitung nach, trank und rauchte nicht und ging regelmäßig zum Massieren. Nie fuhr er schneller, als es die Polizei erlaubte, und wenn überhaupt, dann nicht über Hundert.
Er hatte sich einen Wagen gekauft, der millionenfach bewährt war. Und als der geliefert wurde, hatte er sofort Anschnallgurte einbauen lassen. Denn Herr Regenström überließ so gut wie nichts dem Zufall.
Eines Morgens, nachdem er seinen Tomatensaft getrunken, seine Vitamintabletten geschluckt und seine Atemübungen gemacht hatte, setzte er sich hinters Steuer, schnallte sich fein säuberlich an und fuhr in Richtung Hagebjörn davon.
Kurz hinter Bremsö auf der langen Geraden kam ihm ein Kleinwagen entgegen — und zwar im wahrsten Sinne des Wortes, nämlich auf seiner eigenen Fahrbahn. Herr Regenström betätigte allsogleich die Bremsen und gebrauchte laut das unschöne Wort „Idiot!” — es sollte sein letztes sein.
Die Lenksäule seines Wagens, die von der Vorderachse ohne mildernde Umschweife schon immer direkt auf seine frisch gebügelte Hemdbrust gezielt hatte, stieß diesmal zu.
Die knochenharten, kantig abgewinkelten Speichen des sogenannten „Sicherheitslenkrades” zerschmetterten ihn genau da, wo er ansonsten zu atmen pflegte. Eben an diesem Morgen war er nicht dazu gekommen, sein Horoskop nachzulesen, weil der Sohn der Zeitungsfrau unverhofft in die Masern geraten war.
„Es wird etwas auf Sie zukommen”, stand darin, „dem Sie nicht ausweichen können. Beißen Sie die Zähne zusammen!”
Dieser Rat, so zweifelhaft er sein mag, hat Herrn Regenström nie mehr erreicht.
Es gibt Leute, die wissen nicht, daß sie allmorgendlich, wenn sich die Tür ihres Autos hinter ihnen schließt, auf einem Richtblock Platz genommen haben. Ich will diese Leute hiermit bewußt beunruhigen, denn ich verspreche mir sehr viel von ihnen. Sie sollen zu den regelmäßig „nachstoßenden” Verkäufern der Marke, die sie gerade fahren (Sie wissen, doch: Nein, ich komme nicht, um Ihnen den Neuen zu verkaufen, sondern nur, um zu hören, wie sich der Alte noch macht . ..) klipp und deutlich sagen: „Wenn überhaupt nochmal, mein Lieber, dann nicht mit der Lenksäule!”
Ich bin sicher, daß es die Verkäufer diesmal weitergeben werden. Und da, wo sie es hingeben, wird man nunmehr beginnen, sich Gedanken darüber zu machen. Denn Autos verteilen sich nicht mehr so leicht wie Freikarten fürs Theater. Heute will jedes einzelne richtig verkauft werden!
Auch eine Firma, die zwar in Rädern, nicht aber in Lenkrädern „groß” ist, wird sich der inneren Sicherheit mit der gleichen Inbrunst zuwenden müssen wie ihrer Bilanz. Meine persönliche Antipathie den lanzenartigen Lenksäulen gegenüber, die sich seit Jahren durch mein Geschreibe zieht, ist älter als die Unfallforschung. Ich war noch recht klein, als der Hals meines Vaters dicht neben der Schlagader von einer Lenklanze aufgeschlitzt wurde. Es ist dreieinhalb Jahrzehnte her, aber es kann einem auch heute noch widerfahren. Woran man unschwer erkennt, wie sehr die Entwicklung der automobilen Sicherheit im Fluß, besser gesagt: im Eimer ist.
Der Verstand und die Fähigkeit, ihn zu gebrauchen, sind zwei verschiedene Gaben.
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