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FALLINGBOSTEL
Kategorie: Werkstatt: Fallingbostel:

... und erblickte den ersten Rollen-Prüfstand meines Lebens!
nicht zu schaffen, er schien das Verkaufsmagazin von Ford in Köln gelesen zu haben. „Welch gewaltiger Eindruck”, brüllte er uns alle über den Haufen, „als wir die Cevennen durchquerten und den Mont Sauvage erreichten, wo nach Cortambert die Wasser-scheide liegt. Herrlich, eine Wasserscheide!” Wahrhaftig, er rief es aus. Emmelines Hand traf sich mit der meinen hinter einem Gummibaum. Der Großkarierte war nun nicht mehr zu halten, und Emmelines Gatte hing verzückt an seinem Munde.
„Die Maschine hatte mit Leichtigkeit alle Schlangenwindungen der Steigung genommen. Wir fuhren nach Tarare hinunter. Geräuschlos rollte der Wagen dahin. Wir saßen so behaglich, als ruhten wir im Lehnstuhl vor dem Kaminfeuer ..."
Welch eine Sprache! Und welch ein Prospekt! Von Emmeline ganz zu schweigen. Und doch versteht man die Anwesenheit des Großkarierten in Tristan Bernards Prospekt, wenn man sich vergegenwärtigt, daß damals die Hauptaufgabe darin bestand, die Leute für das Automobil zu begeistern. Daß es ein Berliet sein sollte, kam erst an zweiter Stelle. Daß sie sich überhaupt eine Benzinkutsche zulegen sollten, ging den Leuten gar nicht ein. Wer imstande war, der fuhr bereits standesgemäß — mit Pferd und Wagen. Und das Automobil wurde allenthalben noch verspottet. Obwohl erst vor wenigen Wochen im Rennen St. Petersburg—Moskau ein Benz auf schauderhaften Straßen nicht weniger als 686 Kilometer in nicht mehr als 8 Stunden, 33 Minuten und 48 Sekunden zurück-gelegt hatte.
Nun, was mich betrifft, so war ich dem motorgetriebenen Wagen günstig gesonnen, hatte ich doch schon damals die Absicht, um die Mitte des Jahrhunderts als Redakteur bei AUTO, MOTOR und SPORT einzutreten. Ich hatte mir vor meiner Abreise nach Lyon einen Zweizylinder Knipperdolling angesehen, der 8 Pferdestärken entwickelte und mir mit 2500 Mark recht preisgünstig erschien. Ein Dürkopp-Knipperdolling hatte vor meinen Augen das Kiesbergrennen in Graz mit Bravour gewonnen. Aber auch der siebenpferdige Colibri für 2800 Mark stach mir ins Auge, obwohl ich noch darauf wartete, daß er einmal irgendwo ein Rennen gewinnen würde. Ein Auto ohne Rennsieg konnte man sich einfach nicht kaufen.
Sollte ich nun aber die Tollkühnheit besitzen, die von Santos Dumont und Charron erwetteten 12000 Francs in einen 22pferdekräftigen Berliet stecken, so einen, wie der Großkarierte ihn fuhr? Sollte ich nicht auch, vor dem Kaminfeuer sitzend, die Landschaft durcheilen und dabei den Anblick einer richtigen Wasserscheide genießen?
Was würde Emmeline dazu sagen? Und nicht nur sie — Paris war nicht weit!
Da machte der Großkarierte auch schon den Vorschlag, die Herren sollten doch gemeinsam am nächsten Morgen zu Berliet hinausfahren. Emmelines Gatte hatte sich allzu bewegt gezeigt, als der Großkarierte sein Verkaufsgespräch, Verzeihung, seine Reiseschilderung abspulte.
Nun wurden die Einzelheiten des morgigen Ausflugs rasch besprochen. Dabei beobachtete die hübsche Blondine ihren Mann äußerst nachdenklich und intensiv von der Seite her. Schließlich preßte sie ihren Körper gegen den meinen, stellte sich auf die Zehenspitzen und flüsterte mir, der ich errötend zu frieren begann, ins Ohr: „Ich komme mit, denn ich kenne meinen Mann. Er könnte einer plötzlichen Laune nach-geben und eine Dummheit machen ...”
Sie werden es kaum glauben, aber auch dieser Ausspruch ist dem Prospekt entnommen.
„Oh, Emmeline, wer könnte nicht...?” Aber ich verstand sehr gut, daß sie einen spontanen Automobilkauf ihres Gatten befürchtete, und machte mit belegter Stimme den Vorschlag, Emmeline mitzunehmen. Er wurde angenommen, und ich fühlte wieder Emmelines Hand in der meinen, was dazu führte, daß ich an dem gerade zu mir genommenen Pernod fast erstickte.
Danach zog sich die Dame zurück und wir Herren saßen noch ein wenig beisammen, tranken einen steinalten Wein, dessen Name mir entfallen ist, und plauderten über den neuesten Gesellschaftsskandal.
In Palermo hatte die Polizei die vierzigjährige Gräfin Gumelieri und ihre Freundin Baronesse Dunio verhaftet, die seit anderthalb Jahren kleine Knaben in ihre Villa lockten und allhier skandalöse Orgien mit ihnen feierten. Leiderwaren die Geschenke, mit denen die Damen das Schweigen der munteren Knaben erkauften, in Warenhäusern gestohlen
Lieber Kies in der Tasche als Sand im Getriebe.
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