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SCHNEVERDINGEN
Kategorie: Werkstatt: Schneverdingen:

„Also gut”, hauchte ich mit abgestellter Zündung, „und was macht es nun?” Es machte aber noch gar nichts. Nur die Stirn des Verkäufers schlug Falten, ich schien ein unbequemer Kunde zu sein. Indem er den Kugelschreiber auf eine neuerliche Rubrik ausrichtete, fragte er sichtlich gequält: „Mähne links oder rechts?” Ich witterte Unrat.
„Ist sie aufpreisig?” fragte ich lauernd, und er nickte stumm und sehr beherrscht. Da riß mir der Sattelgurt, ich schlug mit der flachen Hand eine Fliege auf dem Busen eines Prospektmädchens entzwei und schrie:
„Ich möchte das Pferd, das draußen angeschlagen ist, meinetwegen kongobraun gegen Mehrpreis, gut, aber nichts sonst!” Diese Pferdehändler, man scheint nicht ohne Grund Sprichwörter aus ihnen zu machen.
Der Verkäufer erhob sich mit einer Geste, als gälte es, eine UNO-Sitzung zu sprengen, und auch ich schnellte neben ihm von meinem Stuhl. Da öffnete sich eine Hintertür, die ich für Tapete gehalten hatte, und ein fülliger Mime betrat wie auf Stichwort die Szene. Er trug Reithosen, Hirschgrandeln auf der grünen Krawatte und stürzte mit ausgebreiteten Armen auf mich zu.
„Mein Herr!?” wieherte er freudig bewegt, „werden Sie zu Ihrer Zufriedenheit bedient? Die Welt vertraut auf Hosenbigels Pferde, sie sind die zuverlässigsten, Kenner kaufen sie, und Sie kriegen mehr Pferd für Ihr Geld als irgendwo sonst ...” Ich zerschnitt die Luft mit einem Streich und bedauerte, nichts aus der Scheide ziehen zu können, um es den beiden um die Ohren zu hauen. Denn meine Stimme hatte mich verlassen, als wäre sie unter einem Dutzend frischer Pferdeäpfel erstickt. An der Tür angelangt, war ich noch immer meiner Muttersprache nicht mächtig, lediglich meine hochroten Lauscher standen eisern auf Empfang.
„Er wollte — denken Sie nur ...”, hörte ich den Verkäufer außer sich ob des gehabten Erlebnisses stammeln, „er wollte ein Pferd haben, naturbraun, ohne Schweif und ohne Mähne . . .” Und dann brach ein fürchterliches Gelächter aus den beiden Pferdegebissen, das mich förmlich zur Tür hinauswehte. Ich glaube, sogar die Prospektmädchen haben mitgelacht, und die Balletteuse ist vom großen Zeh gefallen.
Irgend jemand, das fühlte ich instinktiv, mußte sich soeben unsterblich blamiert haben.
War ich es? Waren Sie es, der Sie gestern erfuhren, daß das Auto Ihrer schlaflosen Nächte gar nicht 7190 Mark kostet, sondern daß man es Ihnen nicht unter 7640
Mark aus dem Fenster nimmt? Ich glaube,
wir waren es beide nicht!
Wenn ich persönlich auch beim Anblick eines solchen Inserates schamhaft erröte,
Klein gedruckt: Extras serienmäßig (es gibt also kein Auto ohne diese Dinge). Klimaanlage mit Gebläse DM 195.—, elektrische Zeituhr DM 45.—, Lenkradschloß DM 50.—, Mittelarmlehnen klappbar, vorne und hinten DM 160.—!! Und wenn Sie die Räder noch extra berechnet hätten, meine Herren, dann wären Sie auf einen fettgedruckten Preis von DM 6650.— gekommen — wäre das nicht ein Knüller?
Ganz abgesehen von den Frachtkosten für einen, der in Hamburg oder in München wohnt. Die kommen noch dazu. Auch die vornehmsten Werke halten sich da nicht zu-rück, obwohl sie doch unmöglich die Autos vor dem Werktor vom Bauchladen herunter verkaufen können. Die Werke sind auf den örtlichen Ladenverkauf angewiesen, wie jeder Waschpulverfabrikant auch.
Ich meine, ein Preis muß da gelten, wo der Kunde steht! In Italien haben die Fiat echte Ladenpreise, die im ganzen Land gültig sind. Sehen wir einmal von den Fracht-kosten ab, so ist und bleibt der übelste aller Tricks der Aufpreis für die Heizung, die organisch im Wagen eingebaut und heute so selbstverständlich ist, daß man einen, der sie extra berechnet, für von gestern halten sollte.
Außerdem sind die Heizungspreise erstunken und erlogen. Der eine will für zwei flexible Rohre und einen Blechkasten
250 Mark, der andere verlangt für eine gebläsebetriebene Mehrschachtanlage 180 Mark. Im Grunde machen sie alle dies: Wenn sie in ihrer Gesamtkalkulation auf 5190 Mark angelangt sind, obwohl das Konkurrenzmodell unter fünf liegt, dann erschrecken sie mitnichten, sondern schreiben ebenfalls dick 4990 Mark hin. Der Rest ist dann ganz klein und mager für die Heizung, mit der man das seit Jahren machen kann.
Und neuerdings kann man es auch mit dem Lenkschloß machen, mit der Scheibenwaschanlage, mit der Uhr, mit den klappbaren Armlehnen. Ein Glück, daß sie das Lenkrad nicht extra berechnen, sonst würden die Schotten mit den Absätzen lenken.
Meine Pferdegeschichte habe ich wahrhaftig nicht beim Schwanz aufgezäumt, sie gilt für gar manchen Autoladen, sogar der Herr in Reithosen mit den Hirschgrandeln auf der grünen Krawatte kann bleiben .. .

Ehrlich währt am längsten. Aber wer hat schon so viel Zeit.
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