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UELZEN
Kategorie: Werkstatt: Uelzen:

Sein Freund, der Maler, der seit fünfzehn Jahren in Rom lebt, hat ihm dieses Zimmer besorgt. Es sei, wie er ihm vermittels einer unfrankierten Postkarte mitgeteilt hatte, beinahe ein Atelier und im übrigen mit allem Drum und Dran, worunter Federico nichts anderes als Morgenkaffee und fließendes Wasser verstanden hatte. Nun muß er dem Mädchen klar machen, daß er nach Rom kam, um ein Buch zu schreiben. Es ist ein schweres Stück Arbeit, denn das Mädchen hat dunkles Haar, blaue Augen und eine braune Haut, so weich wie ein Schonbezug der fünfziger Jahre (erinnern Sie sich?). Mehr ist über das Mädchen nicht zu sagen, denn man kann Kleider nicht beschreiben, die über einem Stuhl hängen.
Aber Federico spricht ein wunderbares Italienisch seit der Zeit, als er mit einem Schwimmwagen quer, oder besser gesagt — längs durch dieses Land fuhr und gegen die überlegene Konkurrenz hubraummäßig viel stärkerer Jeeps das Rennen zum Brenner gewann. Er spricht genug für Essen, Schlafen und für Liebe. Alles andere ist, wie Kenner bestätigen werden, nicht so wichtig in dieser Gegend. Italien ist das Land, in welchem man mit den wenigsten einheimischen Vokabeln vorankommt.
Federico läßt das im Zimmerpreis enthaltene Mädchen verfallen, während er ansonsten für serienmäßiges Zubehör sehr zu haben ist. So intensiv hat wohl in Rom zu keiner Zeit ein Mensch seinen Willen zu ernster Arbeit bekundet.
Er wird, um künftighin Mißverständnisse zu vermeiden, jedermann sagen, daß er gekommen ist, um ein Buch zu schreiben! Doch ehe die Markise der gegenüberliegen-den Gelateria dreimal hinauf- und heruntergekurbelt wurde, weiß er, daß ihm das gar nichts nützen wird. Die Folgen seines Ausspruches sind etwa der Art, als wenn jemand hierzulande im geselligen Kreis behauptet, der Erfinder des Wankel-Motors zu sein. Federico wird gefeiert, wo immer er seinen Satz von sich gibt. Er ist der Mann, der ein Buch schreibt!
Mit diesem Prädikat kommen Sie bargeldlos durch ganz Italien. Nirgends wird man Ihnen auch nur einen Lire für Ihren Espresso abnehmen. Federico versucht vergeblich, dahinterzukommen, was der Wein eigentlich kostet, mit dem er ständig auf-getankt wird.
Am Nachmittag eines der nächsten Tage nimmt das Unheil seinen Anfang. Der Inhalt einer Lancia Ardea erregt Federicos Interesse just in dem Augenblick, als er im Oberholvorgang begriffen ist. Dadurch entgeht es ihm, daß die vor ihm fahrende römische Straßenbahn zur Landung ansetzt. Er gibt im Bruchteil der letzten Sekunde der etwas weicheren Ardea den Vorzug. So lernt ihn die Dame kennen. Sie kommt aus Neapel und handelt mit Büstenhaltern. Das macht Federico zunächst etwas hilflos, zumal sich viele Leute einfinden, von denen er nicht zu sagen vermag, ob sie ihn steinigen oder zum Meister der Klasse „offene Serienwagen bis 1200 ccm” proklamieren wollen. Man schreit immer in Rom, auch wenn man sich liebt. So läßt er vorsichtig den Satz mit dem Buch in die Menge fallen. Er wirkt wie ein Schaumlöscher!
Der Dame sagt er fast alles, was er auf Italienisch weiß. Es ist genug für Essen, Schlafen und für Liebe. So klärt sich auch dies. Sie gehen eine Pizza essen und trinken Frascati.
Am nächsten Morgen stehen sie zeitig auf, um ihre verbeulten Fahrzeuge zum Auf-bügeln in eine Carozzeria zu geben. Federico hat noch keine einzige Seite geschrieben.
Bei Nacht geht man in Rom auf den Pincio. Unterwegs gibt man acht, nicht über eines der völlig abgeblendeten Auto-mobile zu stolpern, die mit schweigen-dem, aber lebhaft beschäftigtem Inhalt überall herumstehen. Bevor man rauf-kommt, ist da rechts vor einer Linkskurve eine kleine, eiserne Gartenpforte (Sie können sie gar nicht verfehlen). Federico ist allein, denn Rom braucht Büstenhalter, auch oder gerade, wenn blonde Männer aus dem Norden kommen.
Er öffnet die kleine Pforte in dem Bestreben, auf einem der buntgestreiften Stühlchen, die da im Mondlicht schimmern, über das Buch nachzudenken, das er morgen beginnen. wird. Er geht die paar Stufen hinab, und es ist niemand da, der ihm auf die Schulter tippen und verraten könnte, daß er sich auf dem Dachgarten einer an den Hang geschmiegten Villa befindet.
Er hätte dann wohl diesen Platz gemieden, denn er sucht absolut keine Gesellschaft und befindet sich doch, als er kurz nach Mitternacht aus dem Schlaf schreckt, inmitten einer Party. Man ist heraufgekommen, um auf dem Dachgarten zu tanzen, man stößt mit
Der Verstand und die Fähigkeit, ihn zu gebrauchen, sind zwei verschiedene Gaben.
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