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WALSRODE
Kategorie: Werkstatt: Walsrode:

worden. So kam dann alles heraus. Nachdem wir ein halbes Dutzend ähnlicher Ereignisse durchgesprochen hatten, gegen die der Brühne-Prozeß etwas Einschläferndes hat, zogen wir uns zurück. Das Jahr 1908 brauchte sich vor dem derzeitigen wahrhaftig nicht zu verstecken.
Am nächsten Morgen — aber damit begann ich ja meine Erzählung. Wir eilten hinaus zu Berliet, ließen die von Fußgängern wimmelnden Straßen Lyons und die Vororte hinter uns und langten schließlich vor dem großen Tor an, hinter welchem sich das 32800 Quadratmeter große Fabrikgelände erstreckte. Zehn Jahre zuvor waren es nur 90 Quadratmeter gewesen, auf denen im ersten Betriebsjahr gerade zwei Chassis an-gefertigt wurden.
Heute verließen 1200 Tourenwagen-Chassis pro Jahr das Werk, ohne verhindern zu können, daß sich sechsmonatige Lieferfristen ergaben. Eine zweite Fabrik für den ausschließlichen Bau von Last- und Lieferungswagen wurde gerade errichtet. Nach-dem wir die prächtigen und eleganten Räumlichkeiten des Prokuristen und des kaufmännischen Direktors besichtigt hatten, wurden wir einem schlanken, leicht ergrauten Herrn vorgestellt, der eine Leinwandbluse trug, wie irgendein kleiner Angestellter. Aber es war kein geringerer als Herr Berliet selbst.
Innerhalb von neun Jahren hatte er eine riesige Automobilfabrik aus dem Boden gestampft, und er dachte nicht im entferntesten daran, sein Haupt in Gold prägen zu lassen.
In den zwei Stunden, die der Besuch der Fabrik währte, sahen wir dem Entstehen eines Wagens zu. Zuerst in der wie in tragischer Beleuchtung erscheinenden Schmiede, dann in einem lichtvollen Bau, der von einem riesigen Wald unaufhörlich schnurren-der Treibriemen erfüllt war, die in Werkzeugmaschinen mündeten. Es wurden Löcher, in Bronze, Eisenguß und Aluminium gebohrt. Hierauf durchschritten wir die Lager-räume, in denen Unmengen von Bestandteilen aufgehäuft waren, die noch auf ihre Qualität hin überprüft werden mußten: Längstrossen für Chassis, unbearbeitete Zahnräder, Lenkräder, Ventilatoren.
Endlich betraten wir Baulichkeiten, wo mit der Zusammenfügung all dieser Bestand-teile begonnen wird. Schließlich erblickten wir das erste vollständig montierte Chassis. Wir schritten durch einen Raum, in dem die Motoren auf dem Bremsblock versucht wer-den. Aber am schönsten war es doch im Halbdunkel der Schmiede gewesen — Emmelines heimlicher Kuß lohte wie die Flamme eines Schneidbrenners noch immer auf meiner Wange. Da aber rollten Räder auf einem Holzzylinder. Das Auto stand und jagte doch unter voller Ausnützung seiner Kräfte dahin. Ich erblickte den ersten Rollen-Prüfstand meines Lebens. Ein Tacho zeigte an, daß das vor mir stehende Chassis sechzig fuhr. Es war verwirrend, wie alles an diesem Tag. Aber trotz allem, was geschehen war, schien Emmeline noch nicht völlig befriedigt zu sein. „Wird man uns jetzt”, so fragte sie zögernd, „einen fertigen Wagen zeigen?”
Herr Berliet selbst schüttelte sein leicht ergrautes Haupt. In diesem Werk gab es kein fertiges Automobil, weil niemals ein solches auf Lager blieb. Die Chassis wanderten unverzüglich zum Wagenbauer, um von diesem direkt dem ungeduldig wartenden Kunden zugestellt zu werden.
Glücklicherweise konnte eine der leitenden Persönlichkeiten des Hauses ihren vierzigpferdigen Wagen zu einer Probefahrt ausleihen. Der Großkarierte hatte das arrangiert. Mit diesem Wagen erklommen wir allesamt eine 18prozentige Steigung mit 35 Kilometern und erreichten in der Ebene nahezu hundert!
Um die Mittagszeit herum verließen wir das Werk mit einer sichtbar schmollenden Emmeline.
„Warum schmollen Sie, teuerste Freundin?” fragte ich, „etwa, weil Ihr Gatte sich so-eben mit dem kaufmännischen Direktor so geheimnisvoll besprach? Ich gebe zu, er hat einen Wagen bestellt, ohne daß ich es verhindern konnte, weil wir beide gerade ...”
Auch daß ich jetzt wie ein Auspuffkrümmer errötete, konnte ich nicht verhindern. „Ja”
Der Verstand und die Fähigkeit, ihn zu gebrauchen, sind zwei verschiedene Gaben.
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